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Das Meerschweinchen als Kuscheltier?

Meerschweinchen werden häufig als liebe, genügsame und kuschelige Streicheltiere verkauft. Mit ihrem runden Körperbau, ihrem eher zurückhaltenden Wesen und ihren großen Augen wirken sie fast wie Stofftiere und sie verleiten dazu sie hoch zu nehmen und zu knuddeln. Hochnehmen und Kuscheln lassen sich die Tiere häufig gut gefallen. Sie sitzen still auf dem Schoss, oft schließen sie sogar die Augen, wenn sie gestreichelt werden oder gähnen sogar. Wenn sie täglich aus dem Gehege genommen und gekuschelt, gestreichelt und gebürstet werden, dann werden sie dabei sehr ruhig, machen sich lang und gurren niedlich.

Mögen Meerschweinchen diese Streicheleinheiten wirklich?

Schauen wir uns mal an, wie sich Meerschweinchen untereinander in der Gruppe verhalten:

Schon von Geburt an sind Meerschweinchen komplett fertige Meerschweinchen in klein. Sie kommen mit Fell, Nagezähnchen und offenen Augen auf die Welt und können schon wenige Stunden nach der Geburt auch festes Futter aufnehmen. Sie werden zwar von der Mutter bis zu drei Wochen gesäugt, aber eine intensive Brutpflege findet nicht statt. Die Jungen kuscheln sich nur in den ersten Lebenstagen beim Schlafen eng an die Mutter, schon nach 2 Wochen ist das meist vorbei. Nur in den ersten Tagen werden die Jungen von der Mutter hin und wieder geputzt, meist während des Säugens oder kurz danach und fast nur im Anal- und Bauchbereich, um die Verdauung der Jungen anzuregen. Ihre richtige Fellpflege übernehmen die Jungtiere von Geburt an selbst, sie werden nur einmal direkt nach der Geburt von der Mutter gesäubert und manche Jungen putzen sich dann schon einmal ausgiebig, während die Mutter die Geschwister auf die Welt bringt. Schon mit zwei bis drei Wochen nabeln sich die Jungtiere von der Mutter ab, sie kuscheln immer weniger und schon bald werden die kleinen Fellknäule das, was sie hinterher ihr ganzes Leben lang sein werden: Individualisten, die vom Kuscheln herzlich wenig halten.

Erwachsene Meerschweinchen schlafen gern zusammen in einem Versteck, das gibt ihnen Sicherheit. Aber sie sind dabei auf Abstand bedacht. Es passt mindestens eine Hand zwischen die Tiere, wenn sie zusammen im Unterschlupf schlafen, meist liegen sie noch weiter voneinander entfernt. Meerschweinchen liegen nicht gern eng aneinander gekuschelt zusammen (wie z. B. Mäuse, Ratten oder Kaninchen).

Ausnahme: Wenn zu wenig Platz und keine ausreichenden oder tiergerechten Unterschlupfmöglichkeiten vorhanden sind, die Tiere stark unter Stress stehen oder sie Angst haben, dann kuscheln sie sich eng aneinander um sich Sicherheit zu geben. Die Sicherheit der Gruppe ist für sie wichtig, aber Körperkontakt ist ihnen sonst eher unangenehm.

Beobachten wir eine größere Meerschweinchengruppe in einem gut strukturierten und großen Gehege, dann sehen wir, dass alle Tiere sich eigene Schlafplätze suchen. Kommt ein anderes Meerschweinchen ihnen zu nahe, heben sie den Kopf und drohen diesem Tier, damit es auf Abstand bleibt. Ist das Tier ranghöher, verlässt das Meerschweinchen seinen Platz und überlässt es dem anderen Meerschweinchen. Wird ein Meerschweinchen auch nur zufällig von einem anderen Meerschweinchen berührt, springt es weg, beginnt zu zetern und sorgt unverzüglich wieder für Abstand. Selbst wenn die Meerschweinchen sich zusammen in eine Ecke flüchten, weil sie gejagt werden (z. B. vom Menschen, der ihre Krallen schneiden will) herrscht dort in der Ecke kaum friedliche Eintracht, es wird gequietscht, gezetert und jeder versucht, den Anderen auf Abstand zu halten.

Wird ein Meerschweinchen zu aufdringlich, beginnt das andere Meerschweinchen leise zu gurren. Dieser Laut klingt ähnlich wie das Schnurren einer Katze oder ein leises Brommseln. Es ist ein Laut, mit dem das Meerschweinchen das andere Meerschweinchen beruhigen will. Häufig wird so gegurrt, wenn die Tiere sich uneinig sind oder wenn sie verängstigt und unsicher sind. Das Gurren ist nie zu hören, wenn die Tiere entspannt irgendwo liegen oder es ihnen sichtlich gut geht. Es geht fast immer ein Streit voraus oder das Gurren verhindert eine Streiteskalation. Eskaliert es doch, wird laut gebrummt, geknattert und mit den Zähnen geklappert.

Die einzigen Zuwendungen, die in einer Meerschweinchengruppe beobachtet werden können sind: gelegentliches Lecken am Ohr oder an den Augen, seltener noch das Haare abfressen. Alle diese Tätigkeiten sind allerdings immer Zeichen von Stress. Steht ein Meerschweinchen in der Gruppe unter Stress, leckt ein anderes Tier ihm mitunter die Ohren. Sind die Augen entzündet oder tränen stark, werden sie mitunter von einem anderen Rudelmitglied abgeleckt. Manche Meerschweinchen betätigen sich als Frisöre und knabbern anderen Tieren, meist Langhaarschweinchen, die Haare ab. Es ist nicht ganz geklärt, weshalb sie das tun, aber es wird eher vermutet, dass es ein Zeichen für Stress ist, in sehr großen Gruppen in wirklich großen Gehegen hört dieses Haare fressen auf.

Wir stellen also fest: Meerschweinchen betreiben keine gegenseitige Fellpflege, sie kuscheln sich im Normalfall nicht zusammen und legen keinen Wert auf engen Körperkontakt. Was die Schweinchen davon halten, aus dem Gehege genommen und hoch gehoben zu werden, kann sich jeder denken. Dass Meerschweinchen normalerweise nicht fliegen können, ist wohl jedem Menschen klar. Sie verlieren dementsprechendnatürlich auch nicht gern den Boden unter den Füßen. Für sie ist das Gegriffen und Hochgehoben werden ähnlich, wie das Gefangen werden durch einen Greifvogel - also richtig gefährlich und damit auch unangenehm.

Wie passt das aber dazu, dass die Tiere sich von ihrem Besitzer kuscheln lassen und dabei niedlich gurren und sogar die Augen schließen?

Meerschweinchen sind sogenannte Fluchttiere, normalerweise würden sie auch vor dem Menschen flüchten, wenn dieser nach ihnen greift. Aber in einem normalen Gehege oder Käfig ist eine Flucht gar nicht möglich. Bei Gehegen bis zu einer Tiefe von etwa 80 cm kann der Halter problemlos in sein Gehege greifen und die Tiere herausnehmen. Sie können nur zur Seite weg laufen, merken aber schnell, dass ihnen das nichts nützt. Zuerst werden die Meerschweinchen noch versuchen zu flüchten und weg zu laufen, mit der Zeit geben sie das auf, bleiben sitzen und lassen sich fangen. Meerschweinchen lernen schnell, ob sich etwas lohnt oder nicht. Genauso schnell wie sie lernen, dass lautes Rufen zu bestimmten Zeiten mit Futter belohnt wird, lernen sie, dass Weglaufen völlig zwecklos ist.

Auf dem Schoß verfallen die meisten Meerschweinchen erstmal in Schreckstarre. Sie bewegen sich gar nicht mehr und sitzen einfach nur da. Das ist ein Schutzmechanismus bei den Meerschweinchen. Mit der Zeit geben sie sich dann einfach auf, machen sich lang, atmen sogar oft flacher, schließen die Augen. Der Herzschlag verrät aber dann deutlich: das Tier ist gestresst. Es genießt die Streicheleinheit nicht - es lässt sie über sich ergehen. Manche Meerschweinchen versuchen zuerst, sich zu wehren, sie schlagen mit dem Kopf hoch gegen die Hand - mit Kopfhochschlagen werden auch andere Meerschweinchen auf Abstand gehalten. Die meisten Menschen lassen sich davon aber wenig beeindrucken und meinen sogar, das Schweinchen wirft ihnen den Kopf entgegen, weil es dort gestreichelt werden will. Es wird sogar behauptet, wenn das Schweinchen einem entgegenkommt und den Kopf hoch wirft, wäre das eine Aufforderung sie zu streicheln. Nun überlegen wir mal: Meerschweinchen werfen den Kopf hoch, um Artgenossen auf Abstand zu halten. Warum sollte es dann mit dieser Geste von einem Menschen exakt das Gegenteil einfordern? Das wäre völlig unnatürlich, diese Tiere können ihre instinktiven Verhaltensweisen zwar ein wenig an die Bedürfnisse in der Haltung anpassen, sie können diese aber nicht umkehren. Lautes Rufen wird zwar als Futterforderung eingesetzt und ist sonst ein Warnlaut, aber auch das Futterrufen hat nach wie vor den Sinn, die Gruppe aufmerksam zu machen: Achtung, bald kommt Futter.

Da die Meerschweinchen immer platter und ruhiger werden, wenn sie über Kopf und Rücken gestreichelt werden, macht der Halter das natürlich auch immer wieder genau so. Beobachten wir mal wieder unser Meerschweinchenrudel. Ein Rangkampf endet damit, dass aufgeritten wird, das überlegene Meerschweinchen reitet von hinten auf das unterlegene Meerschweinchen auf. Dabei wird das unterlegene Meerschweinchen teilweise in Rücken und Nacken gezwickt. Das unterlegene Meerschweinchen macht sich dabei flach. Das Streicheln mit der Hand über den Rücken ist also nichts anderes; als massive Unterwerfung. Der Mensch unterwirft sein Meerschweinchen. Anders als die Meerschweinchen untereinander hört er aber nicht auf. Meerschweinchen unterwerfen nur kurz und dann ist der Rang geklärt. Der Mensch streichelt immer weiter - das Tier gibt sich völlig auf, es unterwirft sich total und wird ganz ruhig und platt, damit der Mensch einsieht, dass es aufgegeben hat. Sie fangen dann mitunter auch an leise zu gurren - ein weiterer Versuch, den Menschen davon zu überzeugen, dass er aufhören soll. Aber es wird missverstanden, weil Katzen schnurren, wenn ihnen etwas gefällt, wird automatisch davon ausgegangen, dass Meerschweinchen auch schnurren, wenn ihnen etwas gefällt. Aber diese Tiere benutzen diesen Laut nur, um sich gegenseitig zu beruhigen. Das unterlegene Meerschweinchen öffnet das Mäulchen als zusätzliches Zeichen dafür, dass es sich unterwirft. Leider wird auch das häufig von Haltern missverstanden, die bemerken, dass die Tiere beim Streicheln das Mäulchen öffnen und dies für ein entspanntes Gähnen halten, in Wahrheit ist es aber nur ein weiteres Zeichen dafür, dass das Tier sich aufgibt.

Wenn die Meerschweinchen häufig auf diese Art und Weise "zwangsgekuschelt" werden, dann ist der Mensch für sie sicher das ranghöchste Tier. Sie versuchen ihm zu gefallen, lassen sich auch viel von ihm gefallen, aber sie verhalten sich ihm gegenüber nur noch unterwürfig. Sie lassen sich alles gefallen, bleiben stehen, egal was er macht. Genau so reagieren auch Meerschweinchen, die in zu engen Gehegen als rangniedere Tiere leben: sie stellen sich in die Ecke und lassen sich schlicht alles gefallen. Die ranghöheren Tiere können sie drangsalieren, nehmen ihnen das Futter weg, reiten ständig auf: das unterlegene Tier wehrt sich nicht mehr, lässt alles über sich ergehen. Es versucht sogar dem ranghöheren Tier zu gefallen, macht was dieses will. Genauso machen es die Meerschweinchen ihrem Menschen gegenüber auch: werden sie ständig zwangsgekuschelt, lassen sie alles mit sich machen, versuchen dem Halter zu gefallen - denn sie haben gelernt, dass es keinen Sinn hat, sich zu wehren.

Auf diese Weise zwangsgezähmte Meerschweinchen lassen sich zwar alles gefallen, aber trotzdem wird es der Halter niemals erleben, dass die Tiere von sich aus auf seinen Schoß krabbeln, dort friedlich sitzen bleiben und darum bitten, gestreichelt zu werden.

Angeblich kommen Meerschweinchen auch mitunter "ganz freiwillig" zu ihrem Besitzer um sich streicheln zu lassen - warum tun sie das, wenn sie es nicht mögen?

Wir konnten so ein Verhalten bisher nur unter folgenden Bedingungen beobachten: Einzeltiere, die verzweifelt Gesellschaft und Ablenkung suchen, lassen sich von ihrem Besitzer einfach alles gefallen. Sie laufen dem Menschen hinterher, lassen sich kuscheln und werden sehr anhänglich.

Tiere aus Kleingruppen (Gruppen <4 Tiere) lassen sich auch häufiger streicheln. Sie langweilen sich ebenfalls und versuchen dem Menschen zu gefallen.

Meerschweinchen die in Gehegen mit kleinen Grundflächen leben (Etagengehege, Gitterkäfige), die nur beim Auslauf richtig los rennen können und nur beim Auslauf Abwechslung haben, legen oft viele Verhaltensstörungen an den Tag. Dazu gehört auch, dass sie versuchen, sich mit ihrem Halter gut zu stellen. Sie lassen sich streicheln, werden schnell handzahm und werden sogar richtig anhänglich.

Zwangsgezähmte Tiere haben gelernt, dass sie auf dem Schoss Futter bekommen und krabbeln auf den Schoss um zu betteln.

Wenn diese Tiere in artgerechte Gesellschaft (Harem ab Gruppengröße>6 Tiere) und große Gehege zogen (bei uns ab ca. 6 m²), legten sie alle diese Verhaltensstörungen ab und wollten nicht mehr freiwillig gestreichelt und gekuschelt werden. Sobald die Meerschweinchen in sehr großen Gehegen wohnten, wo sie dem Menschen gut aus dem Weg gehen und nicht mehr einfach eingefangen werden konnten, wurden sie zurückhaltend und sahen ihren Menschen als das, was er für alle Meerschweinchen sein sollte: Er ist der Futterbringer.

Wir haben schon häufig angebliche Kuscheltiere aufgenommen, aber diese Tiere hielten vom Einfangen und Kuscheln wirklich nichts mehr, sobald sie merkten, dass sie in großen Gehegen dem Menschen prima aus dem Weg gehen können und trotzdem Futter bekommen und laufen dürfen.

Aber die Tiere müssen doch gezähmt werden, falls sie mal krank sind!

Jeder gute Meerschweinchenhalter wird seine Meerschweinchen einmal in der Woche aus dem Gehege nehmen und untersuchen. Das gefällt den Meerschweinchen rein gar nicht, aber sie kennen dieses Ritual nach kurzer Zeit. Nicht zwangsgezähmte Meerschweinchen zappeln auf dem Schoß herum, springen, schnappen nach dem Besitzer und zeigen ihm deutlich, was sie davon halten. Aber sie haben dann keine große Angst, sie wissen ja, dass sie bald wieder vom Schoß herunter kommen. Ist das nicht toll? Sie sitzen nicht in Angststarre da, denn sie kennen ihren Halter und wissen, dass er ihnen nichts ernstes tut. Sie behandeln ihn, wie ihresgleichen. Das ist für sie mit viel weniger Stress verbunden, als das ständige Unterwerfen. Der Mensch ist nur ein anderes Meerschweinchen und dem sagen sie deutlich, was sie von ihm halten. Aber: Hinterher nehmen sie von ihm ein Stück Gurke, sagen ihm er soll sich verziehen und benehmen sich ganz so, wie Meerschweinchen sich üblicherweise benehmen. Wird so ein Meerschweinchen krank, ist das Einfangen und Behandeln sicher für das Tier auch keine wahre Freude, aber es wird dabei nicht mehr unter Stress stehen, als ein ständig unterworfenes und zwangsgezähmtes Tier.

Werden Meerschweinchen von sich aus also gar nicht zahm? Was kann ich von einem Meerschweinchen erwarten?

Tiergerecht gehaltene Meerschweinchen werden niemals von sich aus auf einen Schoß krabbeln und sich dort, ohne fest gehalten zu werden, streicheln lassen. Aber sie werden Futterzahm, wenn sie häufig aus der Hand gefüttert werden. Sie kommen dann zur Hand gelaufen und schauen dort nach Futter und zeigen ihrem Besitzer durch lautes muigen, dass sie gefüttert werden wollen. Mit Futter in der Hand kann der Halter manche Meerschweinchen dann sogar auf den Schoß locken und ganz zahme Tiere bleiben dann dort sitzen, um den Leckerbissen zu verzehren. Sehr selten gibt es dann auch Meerschweinchen, die es dabei wenig stört, wenn sie ein bisschen unter dem Kinn oder an der Seite gestreichelt werden. Meist lassen sie sich so eine Zuwendung dann so lange gefallen, bis das Futter auf dem Schoß weg gefressen ist. Über den Rücken oder Kopf lassen sich die Tiere aber normalerweise nicht freiwillig streicheln, sie gehen sofort weg, wenn der Halter das versucht. Für diese Meerschweinchen ist der Halter wirklich ein freundliches Wesen, ein Wesen, dass ihnen Futter bringt und sie nicht massiv unterdrückt.