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Heilungsverlauf einer Nekrose bei Kaninchen

Beispiel einer 6-jährigen Häsin

September 2008

Am Abend des 4. Septembers 2008 musste sich meine Häsin Clover einer Magenoperation aufgrund einer Magenüberladung/ Magenverstopfung unterziehen. Die Magenüberladung kam vermutlich dadurch zustande, dass sich die kleineren Krümel der Heucobs mit den durch zeitgleichen Haarwechsel vermehrt verschluckten Haaren zu einem (zu) festen, zähen Brei verbunden haben, der nicht mehr weitertransportiert werden konnte. Die Operation selbst verlief sehr gut, auch die anschließende Genesungsphase war zuerst positiv und ohne größere Probleme.

Auf der Operation-Naht war ein Pflaster mit Sprühkleber angebracht worden, damit Clover sich nicht vorzeitig die Fäden ziehen würde. Eine Praxis, die bei meiner Tierärztin gängig ist und auch bei allen anderen Operationen an meinen Kaninchen, wie beispielsweise Ovariohysterektomien, immer problemlos funktionierte.

Ein paar Tage nach der Operation bemerkte ich, wie sich das Pflaster am oberen Ende etwas löste, die Haut darunter war stark gerötet. Zuerst ging ich davon aus, dass die Haut durch das Pflaster gereizt war und behandelte mit Calendula-Salbe.

Nachdem es nicht besser wurde, ging ich mit ihr noch einmal zur Tierärztin, welche erst einmal regelrecht schockiert war bei dem Anblick, der sich ihr bot. Das restliche Pflaster wurde aufgrund der Schmerzhaftigkeit unter Narkose vollständig abgelöst, darunter kam rote, nässende Haut, sowie rotes und schwarzes, abgestorbenes Gewebe zum Vorschein. Die Tierärztin erklärte mir, dass es sich hierbei um eine Nekrose handelte, wahrscheinlich aufgrund einer allergischen Reaktion auf das Pflaster oder den Sprühkleber.

Die Behandlung sollte mit reizlinderndem Puder erfolgen. Zeitgleich verschlechterte sich aber Clovers Allgemeinzustand, sie wurde zusehends matter und ihre Temperatur stieg bis auf 40,6 °C. Nach einer weiteren Behandlung mit Novalgin ging die Temperatur aber wieder zurück auf ca. 39 °C und es ging ihr sichtlich besser.

Bis auf diesen Einbruch war Clovers Allgemeinbefinden auch während des ganzen Heilungsprozesses recht gut, ich musste nur die ersten drei Tage nach der Magenoperation zufüttern.

nekrose beim kaninchen
Abbildung 1: Nekrotisches Gewebe nach Ablösen des Pflasters, ca. 1,5 Wochen nach der Operation.

Wenige Tage danach bemerkte ich allerdings, dass die Wunde bzw. die Nekrose anfing streng zu riechen. Zwischen der Naht im unteren, rechten Teil (siehe Abb. 1) konnte man Eiter hervordrücken. Auch war die Naht jetzt, zwei Wochen nach der Operation, immer noch nicht zusammengewachsen.

Daher ging ich abermals zu einer Tierärztin, dieses Mal allerdings zu einer anderen. Diese schlug vor, zweimal täglich die Wunde mit Phlogasept und H2O2 zu spülen. Darüber hinaus wurde eine Antibiose begonnen, zuerst mit Baytril, als sich dieses wirkungslos erwies, stiegen wir am 17.9. auf ein Amoxicillin namens Duphamox um. Clover bekam außerdem weiterhin Metacam gegen die Schmerzen. Zeitgleich wurde ein Abstrich zur Resistenzbestimmung ins Labor geschickt.

Die Wunde besserte sich aber nicht. Mittlerweile war die gesamte Operation- Naht (siehe Abb. 1) wieder offen, viele der Fäden hatten sich durch den Eiter aufgelöst, ein paar restliche hielten die Hautränder noch zusammen. Die behandelnde Tierärztin war ziemlich pessimistisch und befürchtete, dass in absehbarer Zeit auch die zweite Naht unter der Oberhaut aufgehen würde, somit läge der Bauchraum offen und es müsste eingeschläfert werden.

Mittlerweile fuhr ich mit Clover täglich zur Tierärztin.

19. September 2008

Nachdem der Eiter nicht verschwand und die Wunde weiterhin bestialisch stank, entschloss sich die Tierärztin das nekrotische Gewebe wegzuschneiden und die restlichen Fäden zu entfernen. Dies erwies sich als eine sehr gute Idee, denn so konnte man das ganze Ausmaß der Vereiterung erkennen. An zwei Stellen hatte sich eine richtige Tasche gebildet, die mit weißlichem Sekret gefüllt war. Eine der Taschen führte bis weit unter die eigentlich gesunde Haut. Erschreckend nach der Entfernung des nekrotischen Gewebes war, auf welch großer Fläche nun die Haut fehlte und das rohe Fleisch freilag, daher wurde nun zusätzlich zum Spülen mit Phlogasept medizinischer Honig auf die gesamte Wundfläche aufgetragen.

Mittlerweile war die Tierärztin so pessimistisch, dass sie mir empfiel Clover einzuschläfern, wenn sich die Lage nicht in wenigen Tagen bessere. Ich war allerdings anderer Meinung, Clover war so munter und hat gut und mit Leidenschaft gefressen, so dass ich davon ausgehen konnte, dass sie definitiv kämpfen wollte.

Damit Clover nicht an die Wunde ging, habe ich ihr Bodys aus Kinderleggins gebastelt, in die ich mehrere Lagen Gaze und Mullverband einnähte. Nach jedem Spülen wurde der Body gewechselt.

nekrose beim kaninchen
Abbildung 2: Clover im Kranken-Käfig unter Rotlicht.

21. September 2008

Die Wunde schien sich tatsächlich leicht gebessert zu haben. Der bestialische Gestank war verschwunden, außerdem hatten sich teilweise schöne Granulationsränder gebildet, die so eine offene Wunde benötigt, um zuzuwachsen.

23. September 2008

Am 23. September dann aber der herbe Rückschlag: Das Antibiogramm aus dem Labor kam durch das Fax der Tierärztin, gerade als ich mit Clover dort war. Zwei Keime wurden gefunden, ein aerober namens Enterobacter cloacae und ein anaerober namens Prevotella melaninogenica (ein Keim, der oft bei Kaninchen in der Mundhöhle vorkommt). Der aerobe entpuppte sich leider als multiresistent, d.h. kein getestetes Antibiotikum war wirksam. Als einzige Alternative fiel der Tierärztin eine Reihe von Reserveantibiotika aus der Humanmedizin ein, die vom Labor vorgeschlagen wurden. Allerdings wäre bisher keines dieser Antibiotika an Kaninchen getestet worden und sie riet mir davon ab.

Nach einer Recherche im Internet und Rücksprache mit einem amerikanischen Kaninchenschutzverein fand ich hingegen heraus, dass zumindest das Reserveantibiotikum Amikazin in den USA erfolgreich und regulär bei Kaninchen angewendet wird.

Unterdessen wurde die Wunde chirurgisch noch einmal aufgefrischt und der letzte Rest nekrotischen Gewebes weggeschnitten. Man konnte allerdings keine wesentlichen Heilungsfortschritte sehen.

30. September 2008

Nachdem sowohl die Tierärztin als auch ich ratlos waren bezüglich der Frage, nun Amikazin einzusetzen oder nicht, holte ich mir noch mehr Meinungen anderer Tierärzte ein. Überaschenderweise bekam ich zu hören, dass die Wunde eigentlich recht gut aussehe. Das weiße, geruchsneutrale Sekret sei wohl eher Wundsekret, da Kanincheneiter immer streng rieche. Durch tägliches Spülen mit Prontosan und anschließendem Auftragen von Calendula- Salbe und Arnica- Puder würde die Wunde allmählich von selbst verheilen.

Die Keime, die das Labor nachgewiesen hatte, wurden als Begleitflora und daher als nicht- pathogen eingestuft. Da es Clover soweit ganz gut ging, beschloss ich erst einmal auf das Amikazin oder auf ein anderes Antibiotikum zu verzichten und nur mit Spülen und Salben weiterzumachen. Außerdem ließ ich von da an - unter der Voraussetzung, dass Clover nicht an der Wunde herumnagte - den Body mit der Wundauflage weg, so dass Luft an die Wunde kam. Tatsächlich ging es von da an stetig bergauf, die Wunde granulierte nun immer schneller zu.

7. Oktober 2008

nekrose beim kaninchen
Abbildung 3: offene Wunde vier Wochen nach der Magen- Operation.

Die Wunde granuliert langsam vom rechten, unteren Ende zu. Allerdings befindet sich links unten eine relativ große Tasche bzw. Unterhöhlung, aus der weißes, zähes, aber geruchsneutrales Sekret austritt (siehe Abb. 4 blauer Kreis).

nekrose beim kaninchen
Abbildung 4: weißes Wundsekret aus Unterhöhlung (blau eingekreist); die weißen Krümel sind Reste des Puders.

13. Oktober 2008

nekrose beim kaninchen
Abbildung 5: Wunde fünf Wochen nach der Magen- Operation.

20. Oktober 2008

nekrose beim kaninchen
Abbildung 6: Wunde sechs Wochen nach der Magen- Operation.

nekrose beim kaninchen
Abbildung 7: Wunde im Detail.

24. Oktober 2008

nekrose beim kaninchen
Abbildung 8: Wunde sieben Wochen nach der Magen-Operation.

31. Oktober 2008

nekrose beim kaninchen
Abbildung 9: Wunde acht Wochen nach der Magen-Operation.

nekrose beim kaninchen
Abbildung 10: Wunde acht Wochen nach der Operation im Detail.

Gut zwei Monate nach der Magen- Operation und dem Beginn der Nekrose war die offene Wunde nahezu vollständig wieder zugewachsen.

Leider bildete sich dort, wo die Tasche bzw. die Unterhöhlung war (Abb. 4), ein subcutaner Abszess. Clover musste wieder in Narkose gelegt werden, die Haut über dem Abszess wurde wieder aufgeschnitten, der Abszess entfernt. Glücklicherweise war er gut abgekapselt, so dass sich bis jetzt kein weiterer Abszess nachgebildet hat.

Mein persönliches Fazit: Nekrosen sind langwierige Angelegenheiten, optisch zwar schockierend, wenn erst einmal so ein großer Teil der Haut fehlt, aber dieser Teil kann vollständig, sogar mit Fell, wieder nachwachsen. Auch sollte man sich nicht verrückt machen lassen, wenn einem ein Tierarzt zum Einschläfern rät, sondern weitere Meinungen einholen und nicht gleich aufgeben. Auch Antibiogramme werde ich nicht mehr als Maß aller Dinge betrachten, denn die nachgewiesenen Keime müssen nicht unbedingt pathogen sein (diesen Hinweis bekommt man aber auch vom Labor).

Kaninchen am Napf


Dieser Erfahrungsbericht, sowie die Fotos wurden uns freundlicherweise von Silke Schäfer zur Verfügung gestellt. Der Text und die Fotos stehen unter ihrem Urheberrecht! Es ist nicht erlaubt, Text und/oder Fotos ungefragt zu kopieren oder Fotos direkt zu verlinken.